Wer heute über den Wiener Platz schlendert, ahnt kaum, dass er auf dem Marktplatz einer Stadt steht, die einmal ganz für sich allein war. Köln-Mülheim war über Jahrhunderte eine eigenständige Stadt am rechten Rheinufer, ein Konkurrent Kölns, ein Zufluchtsort für Protestanten und Juden und später eine der wichtigsten Industriestädte des Rheinlands.
Mülheim ist heute der bevölkerungsreichste Stadtteil Kölns und gibt dem ganzen Stadtbezirk 9 seinen Namen. Diese Chronik führt von der ersten urkundlichen Erwähnung im 12. Jahrhundert über die Freiheit von 1322 und die großen Kabelwerke bis zur Eingemeindung 1914 und dem Strukturwandel von heute.
- Mittelalterliche Anfänge: Mühlen, Fähre und Mauern
- 1322: Adolf von Berg verleiht die Freiheit
- Reformation, Glaubensflüchtlinge und die Seidenstadt
- 1784: Die große Eisflut und das Stadtrecht von 1785
- Franzosenzeit und preußische Kreisstadt
- 1874: Das Carlswerk und der Aufstieg zur Industriestadt
- 1914: Eingemeindung nach Köln, gegen den eigenen Willen
- Die Mülheimer Brücke: Versprechen, Zerstörung, Wiederaufbau
- NS-Zeit, Pogrom und Kriegszerstörung
- Die Keupstraße und der Anschlag von 2004
- Strukturwandel und Ausblick: Mülheim heute
- Quellen
Mittelalterliche Anfänge: Mühlen, Fähre und Mauern
Den Namen verdankt Mülheim den Mühlen am Unterlauf des Strunderbachs, der hier in den Rhein mündete. Schon in vorindustrieller Zeit klapperten diese Mühlen, und aus ihnen wurde das spätere "Mülheim".1
Urkundlich greifbar wird der Ort im 12. Jahrhundert. Die zuverlässig belegten frühen Erwähnungen stammen aus den Jahren 1151 ("Mulnehim"), 1157 ("Mulenheim") und 1166. 1268 gewann Mülheim an Bedeutung, als es Fährplatz des Klosters Altenberg wurde, eine Funktion, die bis um 1700 Bestand hatte. 1275 wurde die Siedlung mit Mauern befestigt.2
1322: Adolf von Berg verleiht die Freiheit
Am 7. März 1322 verlieh Graf Adolf VI. von Berg dem Ort Mülheim die Rechte einer "Freiheit". Das umfasste die Befreiung von bestimmten Diensten und Abgaben, das Recht, Markt abzuhalten, die niedere Gerichtsbarkeit und das Recht, einen Schöffen an das bergische Obergericht zu entsenden.3
Freiheit, nicht volle Stadt
Adolf von Berg gilt bis heute als "Vater Mülheims". Doch trotz der Bestätigungen seiner Privilegien 1350 und 1360 blieb Mülheim formal eine Freiheit, also eine Minderstadt, und kam zunächst nicht über diesen Rang hinaus. Der Straßenname "Mülheimer Freiheit" erinnert noch heute an diesen mittelalterlichen Status. Mehr zu den heutigen Quartieren liest du in unserer Übersicht der Stadtteile in Köln-Mülheim.
Reformation, Glaubensflüchtlinge und die Seidenstadt
Mülheim lag im Herzogtum Berg, jenseits des streng katholischen Köln. Nachdem das Bergische Land 1609 Religionsfreiheit zugesichert hatte, entstand hier eine erste evangelische Gemeinde. Wohlhabende protestantische Kaufleute, die im katholischen Köln keine Bürgerrechte erhielten, ließen sich gezielt in Mülheim nieder.4
Ab 1610 baute Christoph Andreae der Ältere eine bedeutende Seidenfabrik auf. Die Kaufleute nutzten Mülheim, um das Kölner Stapelrecht zu umgehen, jenes Monopol, das alle durch Köln transportierten Waren zum Verkauf zwang. So wurde aus der kleinen Freiheit eine selbstbewusste Handels- und Seidenstadt am rechten Ufer, direkt gegenüber der mächtigen Konkurrentin.5
Einer sehr feinen Stadt ähnlich, mit starker Handlung der Seidenkaufleute bis in fremde Lande.
Auch eine jüdische Gemeinde fand in Mülheim Aufnahme. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts entstand eine Synagoge, ein Zeichen für die für die Region ungewöhnliche Offenheit der Bergischen Stadt.
1784: Die große Eisflut und das Stadtrecht von 1785
Im Februar 1784 traf Mülheim eine Katastrophe. Eine gewaltige Eisflut des Rheins zerstörte weite Teile des Ortes, darunter die erste Synagoge und die 1655 errichtete lutherische Kirche. Der Wiederaufbau zog sich bis 1786 hin.6
Trotz dieses Rückschlags ging es aufwärts: 1785 erhielt Mülheim das formale Stadtrecht. Aus der mittelalterlichen Freiheit war endlich eine vollwertige Stadt geworden, gut 460 Jahre nach Adolf von Berg.7
Franzosenzeit und preußische Kreisstadt
Während der napoleonischen Zeit wurde Mülheim zur "Mairie" im französischen Verwaltungssystem und Sitz eines eigenen Arrondissements. Nach dem Wiener Kongress fiel das Bergische Land 1815 an Preußen.8
1816 wurde Mülheim Sitz des neu gebildeten Kreises Mülheim am Rhein in der preußischen Rheinprovinz. Zum Kreis gehörten neben Mülheim selbst auch die heutigen Kölner Stadtteile Buchheim und Buchforst. 1856 erhielt die Stadt die Rheinische Städteordnung und damit volle städtische Selbstverwaltung.9
1843 reiste übrigens Heinrich Heine durch Mülheim. Die Etappe von Köln Richtung Hagen hielt er in "Deutschland. Ein Wintermärchen", Caput VIII, fest.
1874: Das Carlswerk und der Aufstieg zur Industriestadt
Im 19. Jahrhundert verwandelte sich das alte Seidenstädtchen in eine pulsierende Industriestadt. Die Lage am Rhein, an wichtigen Eisenbahnlinien und der Platz, den das beengte Köln nicht bot, lockten ein Unternehmen nach dem anderen.10
Die folgenreichste Ansiedlung war das Carlswerk. Weil im linksrheinischen Köln kein Platz war, ließen Emil und Franz Carl Guilleaume ab 1872 auf der rechten Rheinseite eine eigene Fabrik errichten. Am 1. Juli 1874 nahm das Carlswerk der Firma Felten & Guilleaume mit rund 150 Beschäftigten den Betrieb auf, zunächst für Drahtseile und Kabel.11
Kabel über den Atlantik
Aus der Drahtseilfabrik wurde einer der weltweit führenden Kabelhersteller. Ab 1904 verband ein im Carlswerk gefertigtes Telefonkabel Nordamerika und Europa. Auf dem riesigen Gelände an der Schanzenstraße steht bis heute ein Großteil der historischen Industriearchitektur, die du in unserer Übersicht der Sehenswürdigkeiten in Köln-Mülheim wiederfindest.
Auch andere Branchen siedelten sich an: Maschinenbau, Walzwerke, eine Schamottefabrik (Martin & Pagenstecher, 1872) und Farbenwerke. Die Einwohnerzahl explodierte, von rund 6.000 um 1850 auf etwa 45.000 am Ende des Jahrhunderts, ein Wachstum, das sich auch in den heutigen Zahlen und Fakten zum Stadtteil widerspiegelt. 1888 ersetzte eine Schiffbrücke die alte Fähre, und 1901 wurde Mülheim ein eigenständiger Stadtkreis, gelöst vom umliegenden Landkreis.12
1914: Eingemeindung nach Köln, gegen den eigenen Willen
Je größer Mülheim wurde, desto begehrlicher blickte Köln auf den rechtsrheinischen Nachbarn. Der wirtschaftliche Druck war enorm, und am 29. Oktober 1912 ließ sich die Nachbargemeinde Merheim per Vertrag von Köln eingemeinden. Damit war Mülheim strategisch isoliert.13
Der Widerstand war heftig. Ein "Komitee zur Abwehr der Eingemeindung" sammelte 4.000 Unterschriften und reichte eine Petition beim preußischen Landtag ein. Geholfen hat es nicht. Köln machte Zugeständnisse, darunter Steuergleichheit, den Erhalt eines örtlichen Amtsgerichts und vor allem den Bau einer großen Hängebrücke über den Rhein.
Am 10. Juni 1914 stimmte der preußische Landtag der Eingemeindung zu. Zum 1. April 1914 wurde Mülheim rückwirkend Teil von Köln. Nur 18 Tage nach dem Landtagsbeschluss fielen in Sarajevo die Schüsse, die den Ersten Weltkrieg auslösten.14
Mülheim und Merheim haben ihre Selbstständigkeit verloren und sind dem mächtigen Körper Kölns einverleibt worden.
Die Mülheimer Brücke: Versprechen, Zerstörung, Wiederaufbau
Das Brückenversprechen wurde eingelöst. Am 13. Oktober 1929 eröffnete Oberbürgermeister Konrad Adenauer die neue Mülheimer Hängebrücke, die auch von der Straßenbahn genutzt wurde. Sie war als sogenannte unechte Hängebrücke nach einem Entwurf von Stadtbaudirektor Adolf Abel ausgeführt.15
Im Zweiten Weltkrieg wurde die Brücke am 14. Oktober 1944 durch einen Bombenangriff zerstört. Fast auf den Tag genau fünf Jahre später, am 13. Oktober 1949, begann der Neubau nach Plänen des Kölner Architekten Wilhelm Riphahn unter technischer Beratung von Fritz Leonhardt, diesmal als echte, erdverankerte Hängebrücke.
Am 8. September 1951 weihte Adenauer, inzwischen Bundeskanzler, die wiederaufgebaute Mülheimer Brücke ein. Bis heute ist sie eine der markantesten Rheinquerungen Kölns.16
NS-Zeit, Pogrom und Kriegszerstörung
Die NS-Zeit hinterließ in Mülheim tiefe Wunden. In der Pogromnacht 1938 wurde die 1788/89 errichtete Synagoge zerstört, ein gewaltsames Ende der jahrhundertealten jüdischen Geschichte des Stadtteils.17
Ab 1942 wurde Mülheim wiederholt Ziel alliierter Luftangriffe. Die Bombardierungen 1944 und 1945 zerstörten große Teile des Stadtteils. Die Lutherkirche brannte aus, von der Herz-Jesu-Kirche und der romanischen St. Clemens blieben nur Reste stehen.18
Nach dem Krieg wurde Mülheim mühsam wieder aufgebaut. 1949 entstand die Luther-Notkirche, eine der berühmten Notkirchen des Architekten Otto Bartning, errichtet aus Trümmersteinen. Die romanische St. Clemens wurde zwischen 1952 und 1960 unter dem Architekten Joachim Schürmann in zurückhaltend moderner Form wiederhergestellt.19
Die Keupstraße und der Anschlag von 2004
Nach dem Krieg wurde Mülheim zu einem der wichtigsten Ankunftsorte für Gastarbeiter und ihre Familien. Die Keupstraße entwickelte sich zum Zentrum des türkischen Geschäftslebens in Köln, mit Konditoreien, Goldschmieden, Restaurants und Hochzeitsmoden.20
Am 9. Juni 2004 detonierte in der Keupstraße eine ferngezündete Nagelbombe. 22 Menschen wurden verletzt, vier davon schwer. Jahrelang gerieten die Anwohner und Opfer selbst unter Verdacht. Erst nach der Selbstenttarnung im November 2011 wurde der Anschlag dem rechtsterroristischen Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) zugeordnet.21
Ein Ort des Erinnerns
An der Ecke Keupstraße/Schanzenstraße erinnert heute ein Denkmal an die Anschläge des NSU in Köln. Die Keupstraße ist bis heute eine lebendige Geschäftsstraße und ein Symbol für das Miteinander im Stadtteil. Wie sich die Sicherheitslage im Bezirk insgesamt darstellt, liest du in unserer Auswertung zur Kriminalität in Köln-Mülheim.
Strukturwandel und Ausblick: Mülheim heute
Mit dem Niedergang der Schwerindustrie verlor Mülheim viele Arbeitsplätze, gewann aber neue Perspektiven. 2007 erwarb ein Investor das rund 127.000 Quadratmeter große Carlswerk-Areal an der Schanzenstraße und entwickelte es zu einem Medien- und Kreativstandort. Seit etwa 2010 entstehen dort Fernsehstudios, in denen bekannte Produktionen aufgezeichnet werden, und der Bastei-Lübbe-Verlag siedelte sich an.22
Heute ist Mülheim mit 43.249 Einwohnern zum 31. Dezember 2024 der bevölkerungsreichste Stadtteil Kölns und zugleich einer der am dichtesten besiedelten. Wie sich die Bevölkerung im Detail zusammensetzt, zeigt unser Überblick zu den Einwohnern von Köln-Mülheim.
Der Wandel geht weiter. Rund um den Wiener Platz, das Carlswerk und das Mülheimer Rheinufer entstehen neue Wohn- und Gewerbequartiere, alte Industriehallen werden umgenutzt, und die Diskussion um bezahlbaren Wohnraum prägt den Stadtteil, wie auch der aktuelle Mietspiegel für Köln-Mülheim zeigt. Was sich nicht ändert, ist die alte Mülheimer Eigenart: ein Stadtteil, der seine eigene Geschichte kennt und sie selbstbewusst nach vorn trägt.